„Ausschreibung für Alsterpavillon gestartet – Wichtiger Meilenstein zur Belebung der Innenstadt“, verkündete die Hamburger Finanzbehörde im Februar 2024. Ein knappes Jahr später dann die Schlagzeile: „Ratsherrn und Hannes Schröder übernehmen den Alsterpavillon“. Die Überraschung war groß, denn die Ausschreibung forderte unter anderem eine Festlegung auf 40 Jahre Erbpacht. Doch Ratsherrn-Geschäftsführer Niklas Nordmann ist jung und hat sich mit dem gelernten Koch und Inhaber von mehreren Restaurants Hannes Schröder auch einen erfahrenen Partner an die Seite geholt. Die beiden Unternehmen wollen den historischen Gastronomiestandort, dessen Wurzeln auf das Jahr 1799 zurückreichen, neu beleben. Keine Systemgastronomie, wie der vorherige Betreiber „Alex“, sondern eine Küche, die „für frische, saisonale Zutaten, nachhaltige Qualität und ehrlichen Geschmack – und für die Zeit, diese gemeinsam zu genießen“ steht. Die Eröffnung soll nach Umbauarbeiten in Sommer 2026 erfolgen.
Da nicht nur der Bierabsatz insgesamt sinkt, sondern hier auch der Anteil, der in der Gastronomie abgesetzt wird, mag der Schritt hin zu mehr Gastronomie verwundern. Allerdings hat sich die Ratsherrn Brauerei als privat geführte Brauerei in einer Metropolregion bereits vor einigen Jahren entschieden, einen Schwerpunkt im Gastronomiebereich zu setzen und so ist der Pachtvertrag für den denkmalgeschützten Alsterpavillon nur eine Fortschreibung der Strategie, die 2012 bereits gewählt wurde. Damals gab Oliver Nordmann der in diesem Jahr 75 Jahre alten Hamburger Marke Ratsherrn in den Schanzenhöfen ein neues Zuhause. Die 1896 errichteten Viehmarkthallen wurden nicht abgerissen, sondern die historische Gebäudesubstanz geschickt in modernes Design integriert. Das Braugasthaus „Altes Mädchen“ wurde schnell zum Szenetreff. Schritt für Schritt wurde die Gastroschiene ausgebaut, so dass inzwischen gut 50 Prozent des Absatzes über den margenstarken On-Trade-Bereich erfolgen – branchenweit sind es nur noch rund 20 Prozent.
Kooperationen sind auch eine Option, um der Krise in der Brauwirtschaft zu begegnen. Niklas Nordmann, der 2023 das operative Geschäft von seinem Vater übernommen hat, startete ein gemeinsames Projekt für die Flaschenabfüllung mit der Dithmarscher Brauerei. Die Dithmarscher Brauerei Karl Hintz GmbH & Co. KG hatte Anfang 2025 eine hochmoderne Abfüllanlage in Betrieb genommen, die künftig auch für die Abfüllung des Flaschenbiers der Ratsherrn Brauerei genutzt werden kann.
Die veränderte Lage der Brauwirtschaft erforderte schon früher nicht nur in der Technik, sondern auch im Vertriebskonzept und im Markenauftritt Anpassung. Bei Wiederbelebung der Marke noch mit der Hamburger Halskrause als Amtstracht des historischen Hamburger Ratsherrn gestartet wurde das Logo sukzessive verjüngt, bis die Halskrause 2024 komplett verschwand und so eine jüngere Zielgruppe besser angesprochen werden kann. Der langfristige Pachtvertrag für den Alsterpavillon belegt, dass Ratsherrn auch künftig auf ein eigenes Gastro- und Veranstaltungskonzept mit entsprechender Social-Media-Begleitung auf eine jüngere Zielgruppe setzen will.
